Stellungnahme zum Antiziganismus-Workshop

Mittlerweile hat ein Teil der Hamburger queerfeministischen Szene zum Boykott des Wochenendseminars „Antiziganismis – Analyse, Kritik, Interventionen“ aufgerufen, da weder die Referentin noch die Veranstalterinnen zu den Sinti und Roma gehören. Uns wird die Fortsetzung rassistischer Strukturen vorgeworfen: das Reden über eine diskriminierte Gruppe, ohne deren Stimme zu Wort kommen zu lassen. Als weiße Feministinnen, die obendrein ab und zu ein schwieriges Buch gelesen haben, seien wir nicht berechtigt, Aussagen über antiziganistische Diskriminierung zu treffen; wir seien nicht berechtigt, uns mit dem Thema Antiziganismus zu befassen, sofern wir nicht andächtig nickend einer entsprechenden Volksvertreterin lauschen – ohne irgendetwas in Frage zu stellen, zu parallelisieren oder mit einer Kritik des Kapitalismus als einer totalitären Gesellschaftsform zu vermitteln.
Die Identitätspolitik ist unter queeren Vorzeichen in eine antiaufklärerische Krise geraten. Das urfeministische Anliegen, die Stimme der Unterdrückten für sich selbst sprechen zu lassen, wird in dieser Argumentation zu Sprech- und Denkverboten pervertiert. Dass wir Roswitha Scholz nicht eingeladen haben, um Erfahrungsberichte aus dem Leben und Leiden von Sinti und Roma zu referieren, sondern um mit uns über marxistisch-feministische Gesellschaftskritik zu diskutieren, interessiert besagte QueeraktivistInnen nicht.
Inzwischen geht deren Überlegung dahin, ihren Verteiler zu zensieren, mithin nach Rassismen in den eigenen Reihen zu fahnden – statt sich mit dem Rassismus da draußen auseinanderzusetzen. Vielleicht wird diese unglaublich bornierte und unsolidarische Selbstzerfleischung der feministischen Szene auf dem Seminar zumindest ansatzweise diskutiert werden müssen. Nur mal so zur Erwartungshaltung für die TeilnehmerInnen …