Das Patriarchat ist tot, es lebe das Patriarchat?! – Ein Plädoyer für die Anliegen des klassischen Feminismus


Dass die Rede vom Pa­tri­ar­chat ge­gen­stands­los ge­wor­den sei, ist eine gän­gi­ge Dia­gno­se von ge­sell­schafts­kri­ti­scher und auch gen­der­be­weg­ter Seite, die an­ge­sichts der mitt­ler­wei­le um­fas­sen­den Gleich­stel­lung der Frau in der west­li­chen He­mi­sphä­re auf der Hand zu lie­gen scheint: Frau­en seien be­rufs­tä­tig und selbst­be­stimmt, ihre Le­bensrealitäten zeichneten sich durch eine ungemeine Vielfalt aus und das Ka­pi­tal mache so­wie­so alle gleich. Die Frau als politisches Subjekt gilt zunehmend als Anachronismus und wird entweder dem Heer neoliberaler Arbeitskraftbehälter subsumiert oder, mit identitätspolitischem Fokus, zu FrauenLesbenTrans* etc. erweitert.
Doch nach wie vor ist das Zweigeschlechtersystem ein nicht weg­zu­den­ken­des Struk­tur­prin­zip der Ge­sell­schaft: Men­schen wer­den wie eh und je in Män­ner und Frau­en un­ter­teilt und zu sol­chen so­zia­li­siert. Das Pa­tri­ar­chat als Ana­ly­se­ka­te­go­rie vor allem der Zwei­ten Frau­en­be­we­gung be­zeich­net die Herr­schaft von Män­nern bzw. – unter den Vor­zei­chen der abs­trak­ten Wertver­ge­sell­schaf­tung – eines männ­li­chen Prin­zips, wie sie in­ners­ter Be­stand­teil nicht nur der abend­län­di­schen Kul­tur ist. Soll­te dieses Ge­schlech­ter­ver­hält­nis heutzutage, neuerer linker Theorie gemäß, nicht mehr herr­schaft­lich ver­fasst sein? För­dert die Leug­nung eines pa­tri­ar­cha­len Ge­fäl­les in der Ge­sell­schaft nicht letzt­lich das un­ge­bro­che­ne Fort­wir­ken der pa­tri­ar­cha­len Ideo­lo­gie – wirft es nicht vor allem Frau­en mit ihrer Viel­zahl an geschlechterspezifischen Pro­ble­men, die sie ihrer So­zia­li­sa­ti­on ver­dan­ken, in die Ver­ein­zelung zu­rück, wenn wir auf­hö­ren, die Be­son­der­hei­ten weib­li­cher Sub­jekt­bil­dung zu ana­ly­sie­ren und zu kri­ti­sie­ren?

hier ein etwas ausführlicheres Thesenpapier

und eine Audioversion des Vortrags